Warum knacken Fingergelenke? Die Blase hinter dem Knall – und ob es Arthrose macht
Beim Fingerknacken bildet sich im Gelenk ein Gashohlraum. Was MRT-Bilder zeigten, warum derselbe Finger nicht sofort wieder knackt und ob es schadet.
Kurze Antwort
Beim Fingerknacken zieht man die beiden Knochen eines Gelenks ein wenig auseinander. Das Gelenk steckt in einer Kapsel voller Gelenkflüssigkeit, in der Gase gelöst sind. Wird das Gelenk plötzlich gedehnt, sinkt der Druck im Inneren, und in der Flüssigkeit entsteht ein gasgefüllter Hohlraum – genau dann ist das Knacken zu hören. Eine MRT-Studie von 2015 filmte die Entstehung dieses Hohlraums in Echtzeit. Weil sich das Gas erst nach etwa 20 Minuten wieder löst, lässt sich derselbe Finger meist nicht gleich noch einmal knacken. Studien fanden keinen Zusammenhang zwischen Fingerknacken und Arthrose; sehr häufiges Knacken geht aber möglicherweise mit leichter Schwellung einher.
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Manche tun es gedankenlos Dutzende Male am Tag, andere zucken beim Geräusch zusammen. Fingerknacken gehört zu den verbreitetsten Angewohnheiten der Welt, und fast jedem wurde schon prophezeit, er bekomme davon Arthrose. Dabei stritten Forschende jahrzehntelang über etwas noch Grundlegenderes: Was erzeugt das Geräusch eigentlich?
Im Inneren eines Fingergelenks
Jeder Fingerknöchel ist ein Gelenk, an dem zwei Knochen zusammentreffen. Die Knochenenden sind mit glattem Knorpel überzogen, und das ganze Gelenk ist in einer Kapsel voller Gelenkflüssigkeit (Synovia) eingeschlossen, die den Knorpel schmiert und ernährt. Wie in einem Sprudelgetränk sind darin Gase gelöst, vor allem Kohlendioxid und Stickstoff.
Was beim Knacken passiert
Zieht, beugt oder drückt man einen Finger auf bestimmte Weise, trennen sich die Gelenkflächen ein wenig. Die Kapsel dehnt sich, und der Druck im Inneren fällt. Ab einem bestimmten Punkt hält die Flüssigkeit nicht mehr zusammen: Plötzlich entsteht ein gasgefüllter Hohlraum. Diesen Vorgang nennt man Kavitation, begleitet vom bekannten Knall.
Nach dem Knacken zeigt ein Röntgenbild eine dunkle Blase im Gelenk. Bis sich das Gas wieder gelöst hat, dauert es – deshalb gibt es eine Refraktärzeit von meist etwa 20 Minuten, bevor derselbe Finger wieder knackt.
Blase platzt oder Blase entsteht?
Fast ein halbes Jahrhundert stritt die Forschung über die genaue Quelle des Geräuschs.
1971 untersuchten die Ingenieure Anthony Unsworth, Duncan Dowson und Verna Wright knackende Gelenke mit Druckmessungen und Röntgenaufnahmen. Sie folgerten, das Knacken entstehe beim Zusammenfallen einer Blase, ähnlich wie Blasen in einer Flüssigkeit mit einem Plopp kollabieren.
2015 tat ein Team um Gregory Kawchuk an der University of Alberta etwas Neues: Es filmte das Fingerknacken in Echtzeit im MRT. Der Finger eines Freiwilligen wurde mit einem Kabel sanft gezogen, bis er knackte. Die Bilder zeigten, dass im Moment des Geräuschs ein Hohlraum entsteht und danach sichtbar bleibt. Das Geräusch, so das Fazit, kommt von der Entstehung des Hohlraums, nicht von seinem Kollaps.
2018 brachte ein mathematisches Modell von Vineeth Chandran Suja und Abdul Barakat eine Wendung: Das Geräusch ließe sich durch das teilweise Zusammenfallen des Hohlraums kurz nach seiner Entstehung erklären. Ganz entschieden ist die Debatte nicht, doch alle sind sich einig: Das Geräusch hängt mit diesem plötzlichen Gashohlraum zusammen, nicht mit knirschenden Knochen oder reißenden Bändern.
Macht es Arthrose?
Die berühmteste Warnung, Fingerknacken führe zu Arthrose, hat sich nicht bestätigt.
- 1990 untersuchten Jorge Castellanos und David Axelrod 300 Menschen. Gewohnheitsmäßige Knacker hatten nicht mehr Arthrose in den Händen als andere. Sie fanden aber häufiger Handschwellungen und eine etwas geringere Griffkraft, wobei die Ursache unklar blieb.
- 2011 verglichen Kevin deWeber und Kollegen Menschen mit und ohne Handarthrose: Die Arthroserate war bei Knackern und Nicht-Knackern ähnlich, unabhängig davon, wie lange oder wie oft sie knackten.
- Der Arzt Donald Unger machte einen ganz persönlichen Versuch: Rund 60 Jahre lang knackte er mindestens zweimal täglich nur die linke Hand und ließ die rechte als Kontrolle. 1998 berichtete er, dass keine Hand Arthrose hatte. 2009 brachte ihm diese Ausdauer den Ig-Nobelpreis ein, der Forschung ehrt, die erst zum Lachen und dann zum Nachdenken bringt.
| Behauptung | Was die Belege sagen |
|---|---|
| Knacken verursacht Arthrose | In mehreren Studien kein Zusammenhang |
| Es macht die Knöchel dicker | Keine guten Belege; bei sehr häufigem Knacken teils mehr Schwellung |
| Das Geräusch ist Knochenreiben | Nein: Es stammt von einem Gashohlraum in der Gelenkflüssigkeit |
| Man kann dasselbe Gelenk sofort wieder knacken | Meist nicht: Es gibt eine Pause von etwa 20 Minuten |
| Knacken löst Steifheit | Viele berichten von Lockerheit, gut erforscht ist das aber nicht |
Andere Gelenkgeräusche
Nicht jedes Gelenkgeräusch ist gleich:
- Ein einzelnes Knacken, wie bei Fingern oder Rücken, stammt meist von Kavitation und ist harmlos.
- Schnappen an Knie, Hüfte oder Knöchel kann von Sehnen kommen, die über Knochenvorsprünge gleiten.
- Ein anhaltendes Reiben oder Knirschen bei Bewegung, die Krepitation, kann mit verschlissenem Knorpel und Arthrose zusammenhängen, vor allem wenn es schmerzt.
- Ein Gelenk, das schmerzhaft hakt oder blockiert, kann einen Knorpelriss oder ein loses Stück haben.
Gehen Knacken oder andere Gelenkgeräusche mit Schmerz, Schwellung oder Bewegungseinschränkung einher, sollte man ärztlichen Rat suchen.
Warum knacken Menschen mit den Fingern?
Die Gründe sind vielfältig: ein Gefühl der Lösung, Gewohnheit, Nervosität oder Langeweile. Manche Studien deuten darauf hin, dass Knacken die Beweglichkeit eines Gelenks kurzzeitig erhöht. Was auch immer der Grund ist – für die meisten scheint es eine harmlose Angewohnheit zu sein, auch wenn sie die Umgebung nervt.
Kurz gesagt
- Fingergelenke sind mit Gelenkflüssigkeit voller gelöster Gase gefüllt.
- Auseinanderziehen senkt den Druck, und ein Gashohlraum entsteht: Kavitation.
- Eine MRT-Studie von 2015 filmte die Entstehung des Hohlraums im Moment des Knackens.
- Eine Refraktärzeit von etwa 20 Minuten verhindert erneutes Knacken desselben Gelenks.
- Studien fanden keinen Zusammenhang zwischen Fingerknacken und Arthrose.
- Gelenkgeräusche mit Schmerz oder Schwellung gehören ärztlich abgeklärt.
Häufige Fragen
Ist Fingerknacken schädlich?
Für die meisten scheint es harmlos. Große Studien fanden bei gewohnheitsmäßigen Knackern keine höhere Rate an Handarthrose. Eine Studie verband sehr häufiges Knacken mit etwas mehr Schwellung und geringerer Griffkraft.
Warum knackt derselbe Finger nicht zweimal hintereinander?
Nach dem Knacken muss der Gashohlraum schrumpfen und das Gas sich wieder in der Gelenkflüssigkeit lösen. Bis dahin kann das Gelenk den plötzlichen Hohlraum nicht bilden, der das Geräusch erzeugt – meist etwa 20 Minuten.
Warum knacken die Finger mancher Menschen und anderer nicht?
Gelenkgröße, Lockerheit der Kapsel und Flüssigkeitsmenge spielen eine Rolle. Manche können die Gelenkflächen schlicht nicht weit genug trennen, um die Kavitation auszulösen.
Und Rücken- oder Nackenknacken?
Das Geräusch entsteht durch dieselbe Art Gashohlraum in den Wirbelgelenken. Kräftiges Verdrehen des Halses birgt aber ein kleines Risiko, Blutgefäße zu verletzen – besser vermeiden oder Fachleuten überlassen.
Quellen
- Kawchuk, G. N. u. a. (2015). Real-time visualization of joint cavitation. PLOS ONE
- Unsworth, A., Dowson, D. & Wright, V. (1971). ‘Cracking joints’: a bioengineering study of cavitation in the metacarpophalangeal joint. Annals of the Rheumatic Diseases
- deWeber, K., Olszewski, M. & Ortolano, R. (2011). Knuckle cracking and hand osteoarthritis. Journal of the American Board of Family Medicine
- Castellanos, J. & Axelrod, D. (1990). Effect of habitual knuckle cracking on hand function. Annals of the Rheumatic Diseases
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