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Warum kann man sich nicht selbst kitzeln? Die Vorhersagemaschine im Gehirn

Kitzelt uns jemand, lachen wir hilflos, kitzeln wir uns selbst, passiert nichts. Der Grund: Das Gehirn sagt die Folgen unserer eigenen Bewegungen voraus.

FactWonder Redaktion5 Min. Lesezeit3 Quellen

Kurze Antwort

Wenn wir uns bewegen, sagt das Gehirn – vor allem das Kleinhirn – voraus, wie sich die Bewegung anfühlen wird. Trifft das vorhergesagte Gefühl ein, stuft das Gehirn es als unwichtig ein und dämpft es. Eine eigene Berührung ist vollständig vorhersehbar, fühlt sich deshalb schwach an und kitzelt nicht. Berührt uns jemand anderes, kommt das Gefühl unerwartet und wird mit voller Stärke wahrgenommen.

In diesem Artikel (9)
  1. Was ist Kitzeln eigentlich?
  2. Das Gehirn sagt die Zukunft voraus
  3. Das berühmte Experiment: ein kitzelnder Roboter
  4. Wozu gibt es dieses System?
  5. Dasselbe System lässt Streit eskalieren
  6. Menschen, die sich selbst kitzeln können
  7. Auch Ratten lachen
  8. Macht Kitzeln wirklich Spaß?
  9. Kurz gesagt

Kaum nähern sich die Finger eines Freundes deinen Rippen, beginnst du dich zu winden – vielleicht lachst du sogar, bevor er dich berührt. Machst du genau dieselbe Bewegung mit der eigenen Hand, passiert nichts. Dieses kleine Rätsel öffnet die Tür zu einem der klügsten Systeme unseres Gehirns.

Was ist Kitzeln eigentlich?

Die Forschung unterscheidet zwei Arten von Kitzeln:

Zwei Arten von Kitzeln: leichte Knismesis und das Lachen auslösende Gargalesis
Leichtes, juckendes Kitzeln und Lachkitzeln sind zwei verschiedene Reaktionen.
  • Knismesis: das leichte, juckende Gefühl einer Feder oder eines Insekts, das über die Haut krabbelt. Es kommt bei vielen Tieren vor und ist vermutlich ein uraltes Warnsystem, das uns Parasiten und Insekten bemerken lässt.
  • Gargalesis: das Lachen auslösende Kitzeln durch kräftigeren, wiederholten Druck an Achseln, Rippen oder Fußsohlen. Es gibt es beim Menschen und einigen anderen Säugetieren, etwa Menschenaffen und Ratten.

Die zweite Art können wir bei uns selbst nicht auslösen. Streichst du dir mit einer Feder über die Lippe, juckt es vielleicht ein wenig – doch wie sehr du dir auch in die Rippen piekst, ein Lachanfall bleibt aus.

Das Gehirn sagt die Zukunft voraus

Die Antwort steckt in einem Vorhersagemechanismus des Bewegungssystems. Entscheidest du dich, den Arm zu bewegen, schickt das Gehirn einen Befehl an die Muskeln. Eine Kopie dieses Befehls geht zusätzlich an eine andere Stelle – vor allem an das Kleinhirn im hinteren unteren Teil des Gehirns.

Das Kleinhirn berechnet daraus: „Wie wird sich diese Bewegung anfühlen?“ Trifft dann das echte Gefühl von der Haut ein, vergleicht es beides:

  • Passt das Gefühl zur Vorhersage, gilt es als unwichtig und wird gedämpft.
  • Weicht es ab, lenkt das Gehirn die Aufmerksamkeit dorthin und nimmt es stark wahr.
Das Kleinhirn sagt eigene Berührungen voraus und dämpft sie, bei fremder Berührung fehlt die Vorhersage
Das Gefühl der eigenen Bewegung wird vorhergesagt und gedämpft. Eine fremde Berührung kommt unerwartet und wirkt mit voller Stärke.

Versuchst du, dich selbst zu kitzeln, weiß dein Gehirn genau, wo, wann und wie fest deine Finger berühren. Es gibt keine Überraschung. Das Gefühl wird unterdrückt, das Kitzeln bleibt aus.

Das berühmte Experiment: ein kitzelnder Roboter

Um die Idee zu prüfen, bauten Sarah-Jayne Blakemore, Daniel Wolpert und Chris Frith am University College London 1998 einen raffinierten Versuchsaufbau. Die Teilnehmenden führten mit der eigenen Hand einen Roboterarm, der ihnen mit weichem Schaumstoff über die Handfläche strich.

Die Forschenden bauten kleine Abweichungen zwischen Bewegung und Berührung ein:

  • Übertrug der Roboter die Bewegung sofort und in gleicher Richtung, empfanden die Teilnehmenden die Berührung als am wenigsten kitzlig.
  • Schon eine Verzögerung von wenigen Hundert Millisekunden oder eine leicht veränderte Strichrichtung machte sie deutlich kitzliger.
  • Je größer die Abweichung, desto mehr fühlte sich die Berührung wie die eines anderen an.

Bildgebende Studien zeigen zudem, dass Kleinhirn und Tastregionen des Gehirns bei eigenen Berührungen weniger aktiv sind. Das Gehirn dreht die Lautstärke herunter, bevor das Gefühl voll ankommt.

Wozu gibt es dieses System?

Sich nicht selbst kitzeln zu können, klingt nach einer Nebensache. Das System dahinter leistet aber etwas Entscheidendes: Es trennt selbst erzeugte Empfindungen von solchen aus der Außenwelt.

Ohne es

  • würde uns jede Berührung der Kleidung beim Gehen ablenken,
  • könnten wir schwer unterscheiden, ob uns die eigene Hand berührt oder eine äußere Gefahr,
  • würde uns die eigene Stimme beim Sprechen ständig ablenken.

Indem das Gehirn die Folgen eigener Handlungen vorhersagt und dämpft, spart es seine Aufmerksamkeit für Reize, die unerwartet und damit womöglich wichtig sind. Deshalb bemerkst du sofort ein Insekt, das dir das Bein hinaufkrabbelt.

Dasselbe System lässt Streit eskalieren

Der Vorhersagemechanismus hat eine überraschende Nebenwirkung. In einem Experiment von 2003 drückten sich Paare abwechselnd mit einem Gerät auf den Finger. Jede Person sollte genau die Kraft zurückgeben, die sie gerade gespürt hatte.

Das Ergebnis: Mit jeder Runde wurde der Druck stärker. Weil das Gehirn die eigene Kraft dämpft, fühlt sie sich schwächer an, als sie ist. Alle glaubten, gleich stark zu drücken – und drückten tatsächlich fester.

Die Forschenden merkten an, dass dies erklären könnte, warum Kinderstreitereien nach dem Muster „Er hat fester gehauen!“ so leicht eskalieren.

Menschen, die sich selbst kitzeln können

Manche Menschen können sich leichter selbst kitzeln. Studien deuten darauf hin, dass manche Menschen mit Schizophrenie – vor allem jene, die das Gefühl haben, ihre Gedanken oder Handlungen würden von außen gesteuert – ihre eigenen Berührungen weniger dämpfen.

Der Befund stützt eine wichtige Idee: Bei ihnen arbeitet das System, das eine Bewegung als „von mir“ markiert, womöglich anders. Das könnte dazu beitragen, dass eigene Handlungen oder die innere Stimme wie fremd erlebt werden.

Auch Ratten lachen

Kitzeln ist nicht auf Menschen beschränkt. 2016 zeigten Shimpei Ishiyama und Michael Brecht an der Humboldt-Universität zu Berlin, dass Ratten beim Kitzeln Ultraschallrufe von rund 50 Kilohertz ausstoßen – weit oberhalb dessen, was Menschen hören können.

Gekitzelte Ratten

  • jagten der kitzelnden Hand hinterher und wollten das Spiel fortsetzen,
  • „lachten“ am meisten, wenn sie auf dem Rücken lagen und am Bauch gekitzelt wurden,
  • reagierten in einer stressigen oder beängstigenden Umgebung viel weniger.

Der letzte Punkt dürfte bekannt vorkommen: Wer angespannt ist, findet Kitzeln selten lustig. Damit es Spaß macht, braucht es eine sichere, verspielte Situation.

Macht Kitzeln wirklich Spaß?

Lachen beim Kitzeln bedeutet nicht immer Vergnügen. Viele sagen, dass sie trotz Lachens am liebsten fliehen würden. Kitzeln gilt daher als gemischtes Gefühl: Das Lachen ist ein Reflex, das Gefühl selbst kann unangenehm sein.

Gerade beim Spielen mit Kindern ist es deshalb wichtig, sofort aufzuhören, wenn jemand „Stopp“ sagt.

Kurz gesagt

Wir können uns nicht selbst kitzeln, weil das Gehirn die Empfindungen unserer eigenen Bewegungen vorhersagt und dämpft. Dieses Vorhersagesystem trennt Selbstgemachtes von Reizen aus der Umwelt und hält unsere Aufmerksamkeit bei dem, was wirklich zählt. Die Finger eines anderen sind dagegen immer eine kleine Überraschung – und die Antwort des Gehirns darauf ist oft Lachen.

Häufige Fragen

Kann sich irgendjemand selbst kitzeln?

Manche Studien zeigen, dass Menschen in bestimmten Situationen, etwa bei Schizophrenie, ihre eigenen Berührungen weniger dämpfen und sich leichter selbst kitzeln können. Das hängt mit Unterschieden im System zusammen, das erkennt, wer eine Bewegung ausgelöst hat.

Warum sind Achseln und Rippen besonders kitzlig?

Dort gibt es viele Nervenenden, und es sind empfindliche, ungeschützte Körperstellen. Manche Forschende vermuten, dass die Kitzelreaktion damit zusammenhängt, diese Stellen von Kindheit an schützen zu lernen.

Heißt Lachen beim Kitzeln, dass es Spaß macht?

Nicht immer. Das Lachen beim Kitzeln ist weitgehend ein Reflex, und viele empfinden gleichzeitig Unbehagen. Deshalb ist es wichtig, Grenzen zu respektieren.

Hat der seltsame Klang der eigenen Stimme auf Aufnahmen damit zu tun?

Nicht direkt. Die eigene Stimme klingt auf Aufnahmen fremd, vor allem weil wir sie beim Sprechen auch über die Schädelknochen hören. Bekannt ist aber, dass das Gehirn selbst erzeugte Geräusche ebenfalls etwas dämpft.

Quellen

  1. Blakemore, Wolpert & Frith (1998) – Central cancellation of self-produced tickle sensation, Nature Neuroscience
  2. Shergill u. a. (2003) – Two Eyes for an Eye: The Neuroscience of Force Escalation, Science
  3. Ishiyama & Brecht (2016) – Neural correlates of ticklishness in the rat somatosensory cortex, Science

Dieser Artikel basiert auf begutachteter Forschung und Veröffentlichungen vertrauenswürdiger Institutionen und wird regelmäßig überprüft. So arbeiten wir →