Warum werden Haare grau? Stress, Gene und Stammzellen in der Haarwurzel
Warum werden Haare grau, macht Stress wirklich weiße Haare und kann graues Haar zurückkehren? Pigmentzellen im Haarfollikel und was neue Studien herausfanden.
Kurze Antwort
Die Haarfarbe stammt vom Pigment Melanin, das Zellen namens Melanozyten an der Haarwurzel bilden. Sie werden aus Pigment-Stammzellen im Follikel nachgebildet. Mit dem Alter erreichen diese Stammzellen den Bereich nicht mehr, in dem sie reifen sollten – sie bleiben in einem Abschnitt stecken oder gehen zur Neige. Ohne Pigment wächst das neue Haar farblos, also weiß. Wann das beginnt, bestimmen vor allem die Gene; Stress, Rauchen und manche Krankheiten können es beschleunigen.
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Das erste graue Haar im Spiegel ist für viele ein kleiner Schock. Graue Haare gehören zu den sichtbarsten Zeichen des Älterwerdens, und fast jeder begegnet ihnen früher oder später. Warum Haare grau werden, ist allerdings eine faszinierende biologische Frage, die die Forschung erst in den letzten Jahren zu beantworten beginnt.
Woher kommt die Haarfarbe?
Die Haarfarbe stammt vom Pigment Melanin, das es in zwei Hauptformen gibt:
- Eumelanin sorgt für braune und schwarze Töne,
- Phäomelanin für rote und gelbe.
Das Verhältnis der beiden entscheidet, ob dein Haar schwarz, braun, blond oder rot ist.
Melanin wird von spezialisierten Zellen gebildet, den Melanozyten, ganz unten im Haarfollikel. Sie geben ihr Pigment an die Zellen ab, die den wachsenden Haarschaft aufbauen – so ist das Haar schon gefärbt, wenn es die Wurzel verlässt.
Ein wichtiges Detail: Sobald ein Haar aus der Haut gewachsen ist, besteht es aus toten Zellen und kann seine Farbe nicht mehr ändern. Ergrauen beginnt deshalb immer an der Wurzel. Wächst ein neues Haar ohne Pigment, ist es weiß.
Warum werden Haare grau?
Haare wachsen nicht ununterbrochen. Jeder Follikel durchläuft Phasen von Wachstum, Ruhe und Ausfall und wiederholt diesen Zyklus über die Jahre viele Male. Für jede neue Wachstumsphase braucht er frische Melanozyten, die das Haar färben.
Diese Melanozyten entstehen aus Melanozyten-Stammzellen, die weiter oben im Follikel lagern – und genau dort liegt das Geheimnis des Ergrauens.
Die Entdeckung von 2023: festsitzende Stammzellen
2023 verfolgten Mayumi Ito und Kollegen an der New York University Melanozyten-Stammzellen bei Mäusen über lange Zeit. Sie entdeckten, dass sich diese Zellen überraschend bewegen:
- Im Haarzyklus pendeln die Stammzellen zwischen verschiedenen Abschnitten des Follikels.
- Wandern sie nach unten zur Wurzel, reifen sie und bilden Pigment.
- Kehren sie nach oben zurück, werden sie wieder zu Stammzellen.
Doch je öfter Haare ausfallen und nachwachsen, desto mehr dieser Zellen bleiben im oberen Abschnitt stecken. Sie erhalten nicht mehr die Signale zum Reifen und können kein Pigment bilden – das neue Haar wächst farblos, also weiß.
Ergrauen könnte demnach nicht nur daran liegen, dass Stammzellen „aufgebraucht“ sind, sondern daran, dass sie sich nicht mehr bewegen. Die Forschenden halten es für möglich, dass man graue Haare eines Tages verhindern kann, indem man diese Zellen wieder in Bewegung bringt.
Macht Stress wirklich graue Haare?
Die Redensart „Der Job lässt mich ergrauen“ hat tatsächlich einen wahren Kern. 2020 untersuchten Ya-Chieh Hsu und Kollegen an der Harvard University, wie Stress die Haarfarbe von Mäusen beeinflusst.
Die Ergebnisse waren eindrücklich:
- Stress aktivierte das sympathische Nervensystem, das die „Kampf-oder-Flucht“-Reaktion steuert, sehr stark.
- Nerven, die zu den Haarfollikeln ziehen, schütteten Noradrenalin aus.
- Noradrenalin zwang die Melanozyten-Stammzellen, sich viel zu schnell zu teilen und zu reifen; der Stammzellvorrat war binnen Tagen vollständig erschöpft.
- Ohne Vorrat wurden die Haare der Mäuse dauerhaft weiß.
Die Studie fand an Mäusen statt; beim Menschen wirkt Stress vermutlich komplexer und langsamer. Sie zeigte aber, dass der Zusammenhang zwischen Stress und Haarfarbe eine echte biologische Grundlage hat.
Kann graues Haar zurückkehren?
2021 untersuchten Forschende der Columbia University Farbveränderungen entlang menschlicher Haare Millimeter für Millimeter. Weil Haare etwa einen Zentimeter pro Monat wachsen, ist jedes Haar eine Art Farbtagebuch der vergangenen Monate.
Bei manchen Haaren zeigte sich Überraschendes: Haare, die in einer stressigen Phase ergraut waren, bekamen an der Wurzel wieder Farbe, als der Stress nachließ. Zumindest im Anfangsstadium kann sich Ergrauen also manchmal umkehren. Fest etabliertes, altersbedingtes Ergrauen ist aber in der Regel dauerhaft.
Was beeinflusst das Ergrauen?
Gene
Wann du ergraust, hängt weitgehend von deinen Genen ab: Wer Eltern mit frühem Ergrauen hat, ergraut wahrscheinlich ebenfalls früh. Eine große genetische Studie von 2016 brachte ein Gen namens IRF4, das an der Regulation der Melaninbildung beteiligt ist, mit dem Ergrauen in Verbindung.
Auch das Alter, in dem das Ergrauen beginnt, schwankt je nach Herkunft. Im Durchschnitt:
| Gruppe | Durchschnittlicher Beginn des Ergrauens |
|---|---|
| Menschen europäischer Herkunft | Mitte 30 |
| Menschen asiatischer Herkunft | Ende 30 |
| Menschen afrikanischer Herkunft | Mitte 40 |
Das sind nur Mittelwerte; die individuellen Unterschiede sind groß.
Weitere Faktoren
- Rauchen: Viele Studien zeigen, dass frühes Ergrauen bei Rauchern häufiger ist.
- Ernährung: Mangel an Vitamin B12 sowie an Mineralstoffen wie Kupfer und Eisen wird mit frühem Ergrauen in Verbindung gebracht.
- Krankheiten: Schilddrüsenerkrankungen und Autoimmunerkrankungen wie Vitiligo, bei der der Körper die eigenen Pigmentzellen angreift, können zum Farbverlust führen.
- Oxidativer Stress: Stoffe wie Wasserstoffperoxid, die sich mit der Zeit im Follikel anreichern, könnten die Melaninbildung stören.
Verbreitete Mythen
- „Zupft man ein graues Haar aus, wachsen zwei nach.“ Falsch. Jeder Follikel arbeitet unabhängig; Zupfen beeinflusst die Nachbarn nicht, häufiges Zupfen kann den Follikel aber schädigen.
- „Haare können über Nacht weiß werden.“ Falsch. Marie Antoinette soll in der Nacht vor ihrer Hinrichtung ergraut sein – doch ein Haar außerhalb der Haut kann seine Farbe nicht ändern. Solche Geschichten beruhen vermutlich darauf, dass farbige Haare plötzlich ausfielen und bereits vorhandene weiße sichtbar wurden.
- „Es gibt graue Haare.“ Nicht wirklich. Der graue Eindruck ist eine Täuschung durch weiße Haare zwischen dunklen.
Kurz gesagt
Die Haarfarbe stammt von Melanin aus den Melanozyten im Follikel, die aus Pigment-Stammzellen nachgebildet werden. Mit dem Alter bleiben diese Stammzellen stecken oder gehen zur Neige, und neue Haare wachsen ohne Pigment – weiß. Wann das geschieht, entscheiden vor allem die Gene; Stress, Rauchen und manche Krankheiten können es beschleunigen. Neue Studien zeigen, dass sich Ergrauen im Anfangsstadium manchmal umkehren kann – und eröffnen damit Perspektiven für künftige Behandlungen.
Häufige Fragen
Wachsen mehr graue Haare nach, wenn man eines auszupft?
Nein. Jeder Haarfollikel arbeitet unabhängig, das Auszupfen eines weißen Haares beeinflusst die Nachbarn nicht. Häufiges Zupfen kann den Follikel aber schädigen, sodass dort kein Haar mehr wächst.
Können Haare über Nacht weiß werden?
Nein. Ein Haar, das aus der Haut gewachsen ist, besteht aus toten Zellen und kann seine Farbe nicht ändern. Geschichten vom Ergrauen über Nacht beruhen wohl darauf, dass farbige Haare plötzlich ausfielen und bereits vorhandene weiße sichtbar wurden.
Kann graues Haar wieder Farbe bekommen?
Manchmal vorübergehend. Eine Studie von 2021 zeigte, dass sich graue Haare nach einer stressigen Phase an der Wurzel teils wieder färbten. Altersbedingtes, festes Ergrauen bildet sich meist aber nicht zurück.
Was führt zu frühem Ergrauen?
Am wichtigsten ist die Veranlagung. Auch Rauchen, Vitamin-B12-Mangel, Schilddrüsenerkrankungen und Autoimmunerkrankungen wie Vitiligo werden mit frühem Ergrauen in Verbindung gebracht.
Quellen
- Sun u. a. (2023) – Dedifferentiation maintains melanocyte stem cells in a dynamic niche, Nature
- Zhang u. a. (2020) – Hyperactivation of sympathetic nerves drives depletion of melanocyte stem cells, Nature
- Rosenberg u. a. (2021) – Quantitative mapping of human hair greying and reversal in relation to life stress, eLife
- Adhikari u. a. (2016) – A genome-wide association scan in admixed Latin Americans identifies loci influencing facial and scalp hair features, Nature Communications
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