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Warum bekommen wir Gänsehaut? Die Wissenschaft der Schauer

Warum bekommen wir Gänsehaut, wenn wir frieren, Angst haben oder ein Lieblingslied hören? Die Evolutionsgeschichte eines winzigen Muskels an jedem Haar.

FactWonder Redaktion4 Min. Lesezeit2 Quellen

Kurze Antwort

An der Wurzel jedes Haares sitzt ein winziger Muskel, der Haaraufrichtemuskel. Bei Kälte, Angst oder starken Gefühlen lässt ihn das sympathische Nervensystem kontrahieren. Er richtet das Haar auf und drückt die Haut darum leicht nach oben – es entsteht Gänsehaut. Bei Tieren mit Fell wärmt das und lässt sie größer wirken; beim Menschen ist es ein Reflex, den wir von unseren Vorfahren geerbt haben.

In diesem Artikel (7)
  1. Der winzige Muskel, der die Haut aufstellt
  2. Zwei Aufgaben aus der Zeit des Fells
  3. Neuer Befund: mehr als ein Überbleibsel?
  4. Emotionale Schauer: Warum macht Musik Gänsehaut?
  5. Wie der Körper sich wirklich warm hält
  6. Gänsehaut auf Kommando
  7. Kurz gesagt

An einem kalten Morgen vor die Tür treten, eine spannende Szene im Horrorfilm sehen oder den Refrain des Lieblingslieds hören – plötzlich stellen sich die Härchen an den Armen auf, und die Haut ist mit kleinen Hügeln übersät. Dieses vertraute Gefühl ist ein Jahrmillionen alter Reflex und eine Erinnerung daran, dass der Mensch einst viel haariger war.

Der winzige Muskel, der die Haut aufstellt

An der Wurzel fast jedes Haares sitzt ein mit bloßem Auge unsichtbarer Muskel: der Haaraufrichtemuskel (Musculus arrector pili). Mit einem Ende ist er am Haarfollikel befestigt, der Hülle der Haarwurzel, mit dem anderen an der oberen Hautschicht.

Ist der Muskel entspannt, liegt das Haar schräg auf der Haut. Zieht er sich zusammen,

  1. zieht er an der Haarwurzel und richtet das Haar auf,
  2. drückt er den Follikel nach oben und hebt die Haut ringsum an,
  3. entsteht um jedes Haar eine kleine Mulde mit Erhebung – das Bild einer gerupften Gans, das der Gänsehaut ihren Namen gibt.
Hautquerschnitt mit entspanntem und angespanntem Haaraufrichtemuskel im Vergleich
Zieht sich der Haaraufrichtemuskel zusammen, richtet er das Haar auf und hebt die Haut darum zu einem kleinen Hügel an.

Diese Muskeln steuern wir nicht selbst. Sie werden vom sympathischen Nervensystem aktiviert, das unwillkürliche Funktionen wie Herzschlag und Verdauung regelt. Der Sympathikus ist auch die Zentrale der „Kampf-oder-Flucht“-Reaktion – deshalb stehen uns bei Angst die Haare zu Berge.

Zwei Aufgaben aus der Zeit des Fells

Was Gänsehaut eigentlich soll, sieht man bei Tieren mit Fell. Dort erfüllt der Reflex zwei wichtige Aufgaben.

Wärmedämmung

Wird das Fell bei Kälte aufgeplustert, hält es zwischen den Haaren eine ruhende Luftschicht fest. Luft leitet Wärme schlecht, deshalb verlangsamt diese Schicht den Wärmeverlust – ähnlich wie eine Daunendecke. Vögel und Katzen, die im Winter aufgeplustert wirken, nutzen genau diese Isolierung.

Einschüchterung

Stellt ein ängstliches oder bedrohtes Tier sein Fell auf, wirkt es größer, als es ist. Eine Katze mit Buckel und gesträubtem Fell oder ein Stachelschwein mit aufgestellten Stacheln sendet eine klare Botschaft: „Leg dich nicht mit mir an.“

Im Laufe der Evolution hat der Mensch den größten Teil seines dichten Körperhaars verloren, Nerven und Muskeln des Reflexes sind aber geblieben. Wenn wir heute Gänsehaut bekommen, wird uns also weder wärmer, noch sehen wir bedrohlicher aus – der Körper spielt einfach das alte Programm ab.

Vier Auslöser für Gänsehaut: Kälte, Angst, Musik und Ehrfurcht
Derselbe Reflex kann durch körperliche und durch emotionale Reize ausgelöst werden.

Neuer Befund: mehr als ein Überbleibsel?

Lange galt menschliche Gänsehaut als nutzloses Relikt der Evolution. 2020 rückte eine in Cell veröffentlichte Studie von Ya-Chieh Hsu und Kollegen an der Harvard University dieses Bild etwas zurecht.

An Mäusen fanden die Forschenden heraus:

  • Der Haaraufrichtemuskel dient als Brücke, über die ein sympathischer Nerv den Haarfollikel erreicht.
  • Der Nerv zieht nicht nur den Muskel zusammen, sondern steht auch direkt mit Stammzellen im Follikel in Verbindung.
  • Bei länger anhaltender Kälte regen diese Nerven die Stammzellen an und starten neues Haarwachstum.

Dasselbe System, das kurzfristig für schnelle Isolierung die Haare aufrichtet, könnte langfristig also helfen, das Fell dichter werden zu lassen. Die Ergebnisse stammen von Mäusen; inwieweit der Zusammenhang auch in menschlicher Haut gilt, wird noch erforscht.

Emotionale Schauer: Warum macht Musik Gänsehaut?

Am faszinierendsten ist vielleicht die Gänsehaut beim Höhepunkt eines Liedes oder in einer bewegenden Filmszene – ganz ohne Kälte und ohne echte Gefahr. Die Forschung nennt dieses Erlebnis Frisson, französisch für „Schauer“.

In einer Studie der McGill University aus dem Jahr 2011 hörten Versuchspersonen Musik, die ihnen Gänsehaut bereitete, während ihr Gehirn untersucht wurde. Das Ergebnis:

  • Während sich die Musik dem Höhepunkt näherte, stieg die Dopaminausschüttung in Regionen, die mit Erwartung zu tun haben.
  • Im Moment des Schauers stieg Dopamin in Regionen, die das Zentrum von Belohnung und Genuss bilden.

Dopamin ist ein Botenstoff, der bei angenehmen Erlebnissen wie Essen oder Belohnungen ausgeschüttet wird. Musik kann ein ähnliches System aktivieren, obwohl sie keine greifbare Belohnung ist. Schauer entstehen oft bei einem unerwarteten Harmoniewechsel, einem plötzlichen Lauterwerden oder dem überraschenden Einsatz einer neuen Stimme.

Nicht alle erleben das gleich intensiv. Studien deuten darauf hin, dass Menschen, die offen für neue Erfahrungen sind, häufiger Musik-Gänsehaut bekommen.

Wie der Körper sich wirklich warm hält

Beim Menschen trägt Gänsehaut kaum zum Wärmen bei. Der Körper hat viel wirksamere Mittel gegen Kälte:

Reaktion Wie sie wirkt Wirkung
Verengte Blutgefäße Weniger Blut fließt in die Haut, die Wärme bleibt innen Stark
Zittern Muskeln ziehen sich schnell zusammen und erzeugen Wärme Stark
Braunes Fettgewebe Verbrennt Fett direkt zu Wärme Mittel
Gänsehaut Feine Haare halten etwas Luft fest Sehr schwach

Trotzdem ist Gänsehaut oft der Vorbote des Zitterns – ein frühes Signal, dass der Körper Wärme sparen muss.

Gänsehaut auf Kommando

Manche Menschen berichten, sie könnten allein durch Konzentration Gänsehaut erzeugen, ganz ohne äußeren Reiz. Diese Fähigkeit ist sehr selten und wurde nur in kleinen Studien untersucht. Dass manche eine eigentlich unwillkürliche Reaktion bewusst auslösen können, deutet darauf hin, dass die Verbindung zwischen Gehirn und vegetativem Nervensystem flexibler ist als gedacht.

Kurz gesagt

Gänsehaut entsteht, wenn das sympathische Nervensystem einen winzigen Muskel an jeder Haarwurzel zusammenziehen lässt. Unseren behaarten Vorfahren half der Reflex, warm zu bleiben und einschüchternd zu wirken; bei uns ist er vor allem ein Andenken der Evolution. Doch dasselbe System könnte beim Haarwachstum mitspielen – und es zeigt, wie tief uns etwas so Abstraktes wie Musik berühren kann.

Häufige Fragen

Wie heißt Gänsehaut in der Medizin?

Der Fachbegriff lautet Piloerektion. Wegen des Aussehens der Haut spricht man auch von Cutis anserina, wörtlich „Gänsehaut“.

Warum bekommen wir bei Musik Gänsehaut?

Emotional starke Momente in der Musik lösen im Belohnungssystem des Gehirns eine Dopaminausschüttung aus. Gleichzeitig wird das sympathische Nervensystem aktiv – die Haare stellen sich auf. Ein großer Teil der Menschen kennt diese Musik-Schauer.

Gibt es Menschen ohne Gänsehaut?

Das ist sehr selten. Manche können Gänsehaut sogar willentlich auslösen, andere erleben emotionale Schauer nach eigenen Angaben kaum.

Wärmt uns Gänsehaut wirklich?

Beim Menschen kaum. Unsere Körperhaare sind zu fein und spärlich, um eine nennenswerte Luftschicht festzuhalten. Die eigentliche Wärmearbeit leisten Zittern und verengte Blutgefäße.

Quellen

  1. Shwartz u. a. (2020) – Cell Types Promoting Goosebumps Form a Niche to Regulate Hair Follicle Stem Cells, Cell
  2. Salimpoor u. a. (2011) – Anatomically distinct dopamine release during anticipation and experience of peak emotion to music, Nature Neuroscience

Dieser Artikel basiert auf begutachteter Forschung und Veröffentlichungen vertrauenswürdiger Institutionen und wird regelmäßig überprüft. So arbeiten wir →