Wie funktioniert Seife? Das zweigesichtige Molekül, das sauber macht
Wasser allein löst kein Fett, Seife schon. Wie Seifenmoleküle Fett in Mizellen einschließen, warum sie manche Viren zerstören und warum 20 Sekunden zählen.
Kurze Antwort
Seife wirkt, weil jedes Seifenmolekül zwei sehr unterschiedliche Enden hat: einen wasserliebenden Kopf und einen langen, fettliebenden Schwanz, der Wasser meidet. Beim Waschen bohren sich die Schwänze in Fett und Schmutz, die Köpfe bleiben im Wasser. Die Moleküle umschließen das Fett in winzigen Kugeln, den Mizellen, die das Wasser dann wegspült. Außerdem zerstört Seife die fettige Hülle mancher Viren und Bakterien – deshalb ist Händewaschen mit Seife für mindestens 20 Sekunden so wirksam.
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Versuch einmal, eine fettige Pfanne nur mit Wasser zu spülen: Das Fett perlt ab und rutscht umher. Ein Tropfen Seife, und das Fett lässt los. Das wirkt alltäglich, ist aber ein schönes Stück Chemie. Das Geheimnis steckt in einem Molekül mit gespaltener Persönlichkeit.
Wasser und Öl mischen sich nicht
Wassermoleküle sind polar: Sie haben ein leicht positives und ein leicht negatives Ende und halten deshalb stark zusammen. Öle und Fette sind unpolar. Sie können solche Anziehungskräfte mit Wasser nicht aufbauen; das Wasser drängt sie beiseite, und Fett sammelt sich in Tröpfchen oder Filmen.
Der meiste Schmutz auf Händen und Kleidung wird von Fetten festgehalten: von den natürlichen Hautfetten, Speisefett oder Schmiere. Deshalb spült Wasser zwar Salz oder Zucker ab, aber keinen fettigen Fingerabdruck.
Ein Molekül mit zwei Gesichtern
Ein Seifenmolekül löst das Problem, indem es beides zugleich ist.
- Ein Ende, der Kopf, trägt eine elektrische Ladung. Er liebt Wasser und löst sich leicht darin. Chemiker nennen ihn hydrophil.
- Das andere Ende, der Schwanz, ist eine lange Kette aus Kohlenstoff- und Wasserstoffatomen, ähnlich wie Fettmoleküle. Er meidet Wasser und löst sich in Fett – er ist hydrophob.
Solche Moleküle heißen Tenside. Sie senken außerdem die Oberflächenspannung des Wassers, sodass es sich ausbreitet und in Stoffe und feine Hautfalten eindringt.
Mizellen: winzige Käfige für Fett
Trifft Seifenwasser auf einen Fettfleck, ordnen sich die Seifenmoleküle von selbst. Ihre Schwänze schieben sich ins Fett, um dem Wasser zu entkommen, während die Köpfe nach außen ins Wasser zeigen.
Durch Reiben zerfällt das Fett in kleinere Tröpfchen, und jedes wird von Seifenmolekülen umhüllt: Es entsteht eine winzige Kugel, die Mizelle. Von außen sieht sie aus, als bestünde sie aus wasserliebenden Köpfen, deshalb bleibt sie im Wasser in der Schwebe, statt wieder an der Haut zu haften. Beim Abspülen werden die Mizellen samt Schmutz fortgetragen.
Wie Seife manche Keime zerstört
Seife wäscht nicht nur Schmutz ab. Viele Viren, darunter Grippe- und Coronaviren, sind von einer dünnen Hülle aus Fettmolekülen umgeben. Auch Bakterien haben Membranen aus Fetten.
Die fettliebenden Schwänze der Seifenmoleküle können sich in diese Fetthüllen schieben. Drängen immer mehr Seifenmoleküle hinein, reißt die Hülle auf – ähnlich wie eine platzende Seifenblase. Ohne Hülle kann das Virus keine Zellen mehr infizieren. Die Bruchstücke werden in Mizellen eingeschlossen und weggespült.
Warum die 20 Sekunden zählen
Gesundheitsbehörden wie die US-amerikanischen Centers for Disease Control and Prevention empfehlen, die Hände mindestens 20 Sekunden lang mit Seife und Wasser zu waschen. So hat die Seife Zeit, sich überall zu verteilen, Fette zu lösen, Keime aufzubrechen und abzulösen. Die Reibung beim Aneinanderreiben der Hände ist dabei ein wichtiger Teil.
Vergiss die oft übersehenen Stellen nicht: Handrücken, Fingerzwischenräume, Daumen und unter den Nägeln. Gründliches Abspülen und Abtrocknen mit einem sauberen Handtuch runden das Ganze ab, denn nasse Hände nehmen Keime leichter auf und verbreiten sie.
Seife, Tenside und hartes Wasser
Klassische Seife entsteht, wenn Fette oder Öle mit einer starken Lauge wie Natronlauge erhitzt werden – die Verseifung. Sie ist mild und wirksam, hat aber eine Schwäche. In hartem Wasser mit viel Calcium und Magnesium binden die Seifenmoleküle an diese Mineralien und bilden einen unlöslichen grauen Belag: Kalkseife, den Rand in der Badewanne.
Synthetische Tenside, im 20. Jahrhundert entwickelt, funktionieren genauso wie Seife, ihre Köpfe binden aber nicht an Calcium und Magnesium. Deshalb bestehen die meisten heutigen Waschmittel, Spülmittel und Shampoos aus solchen Tensiden.
Kurz gesagt
- Wasser allein entfernt fettigen Schmutz nicht, weil sich Öl und Wasser nicht mischen.
- Ein Seifenmolekül hat einen wasserliebenden Kopf und einen fettliebenden Schwanz.
- Seifenmoleküle umschließen Fett in winzigen Mizellen, die Wasser wegspült.
- Seife zerstört die Fetthülle von Viren wie Grippe- und Coronaviren.
- Mindestens 20 Sekunden Waschen und Reiben aller Stellen geben der Seife Zeit zu wirken.
- Synthetische Tenside wirken auch in hartem Wasser.
Häufige Fragen
Ist Desinfektionsmittel besser als Seife?
Meist nicht. Waschen mit Seife und Wasser entfernt Schmutz und viele Keime, gegen die Desinfektionsmittel schlecht wirken. Alkoholische Händedesinfektion mit mindestens 60 % Alkohol ist eine gute Alternative, wenn Seife und Wasser fehlen.
Reinigt heißes Wasser besser als kaltes?
Beim Händewaschen wirken kaltes und warmes Wasser zusammen mit Seife etwa gleich gut. Wasser, das heiß genug wäre, um Keime abzutöten, würde die Haut verbrühen; die Hauptarbeit leisten Reiben und Seife.
Was ist der Unterschied zwischen Seife und Tensid?
Seife wird aus Fetten oder Ölen und Lauge hergestellt. Synthetische Tenside wirken genauso, bilden aber in hartem Wasser keine Kalkseife – deshalb stecken sie in den meisten Waschmitteln und Shampoos.
Warum 20 Sekunden lang einseifen?
Die Seife braucht Zeit, um alle Stellen der Hände zu erreichen, Fette zu lösen und Keime aufzubrechen. Untersuchungen zeigen, dass 15 bis 30 Sekunden Waschen weit mehr Keime entfernen als kurzes Abspülen.
Quellen
- Centers for Disease Control and Prevention – About handwashing
- Encyclopaedia Britannica – Soap and detergent
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